Das Gebäude am Ende der Zeit

Schmerz durchzog mein Rückgrat, das Gefühl, als würden Messer in mich gestochen, wieder herausgezogen und erneut hineingebohrt. Es übertraf alles, was ich bislang über Schmerz gekannt hatte. Ich drehte mich auf die Seite und hoffte mir dadurch etwas Linderung zu verschaffen, aber es half nichts. Das Gefühl blieb und die Intensität nahm nicht ab. Ich hörte eine Stimme neben mir. 
»Warte, ich geb dir was gegen die Schmerzen.«
Jemand erhob sich über mich, schien nach einer Vene zu suchen und injizierte mir etwas. Danach umfing mich wieder die Dunkelheit. Ich kann nicht sagen, wie lange ich erneut schlief, denn ab und an wachte ich auf und hörte Geräusche, vernahm Stimmen, spürte, dass jemand meinen Arm und meine Hüfte bewegte, schlief dann aber wieder ein. 
Wahrscheinlich Tage später wurde ich erneut wach, spürte auch dieses Mal weitere Schmerzen. Ich versuchte, meine Augen zu öffnen, sah aber in eine vollkommene Dunkelheit. Es schien im Raume so finster zu sein, dass ich meine Hand vor Augen nicht sehen konnte. Panik machte sich breit, ich versuchte, links von mir etwas zu ertasten, aber meine Hand griff ins Leere. Den anderen Arm konnte ich gar nicht bewegen, ich spürte nicht mal, dass er da war. Wo um alles in der Welt war ich hier und was war geschehen? Ich versuchte, mich bemerkbar zu machen, brachte aber gerade mal ein krächzendes Hallo? hervor. Zu meiner Überraschung bekam ich prompt eine Antwort. Es war eine Frauenstimme, die sich dicht an meinem Ohr befand. 
»Ruhig, ganz ruhig, es ist alles in Ordnung. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Entspann dich. Ich weiß, dass du Fragen hast, die Antworten werden folgen, wenn es dir wieder besser geht, dann erzähle ich dir alles.« 
Die Entspannung wollte aber nicht eintreten, der Raum um mich herum blieb dunkel und auch die Frau an meiner Seite konnte ich nicht erkennen. 
»Was ist passiert … wo bin ich?«, brachte ich hervor, wobei mein Hals sich anfühlte, als hätte ein Schreiner mit Schleifpapier daran gearbeitet. Ich versuchte, mich aufzurichten, doch eine Hand drückte mich zurück in die Liegeposition. 
»Bleib liegen«, sagte die weibliche Stimme, wobei sie es wahrscheinlich auch war, die mich vom Aufstehen abgehalten hatte. Ich stöhnte auf, der Schmerz kam in Wellen wieder. Eine Hand legte sich auf meine Brust und dann auf meinen Arm. 
»Ich sag doch, es ist besser, wenn du noch etwas ruhst«, hörte ich ihre Stimme erneut. 
»Sag mir wenigstens, was hier los ist«, bat ich mein Gegenüber.
»In Ordnung, kannst du dich an irgendetwas erinnern?«
»Hmm … nicht viel«, gab ich zu.
»Du weißt aber schon noch, wer du bist?«, der schmunzelnde Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
»Ja natürlich. Allerdings weiß ich nicht mehr, was passiert ist, nachdem ich Brixton Cove passiert habe. Die Straße war sehr dunkel und dann hört es schon auf. Hatte ich einen Autounfall?«
»In der Tat, du hast scheinbar das Steuer noch herumreißen können. Bist gegen einen Felsen gefahren.«
»Und nun bin ich in einem Krankenhaus?«
»Ja, so etwas in der Art. Deine Verletzungen waren so schwer, dass der Krankenwagen dich hierher in diese Spezialklinik gebracht hat. Der Weg in ein normales Krankenhaus wäre viel zu weit gewesen. Du wärst auf der Fahrt sicher gestorben. Aber meiner Meinung nach hätten die dort ohnehin nicht mehr viel für dich tun können.« 
»Ist das eine Privatklinik?«
»Ja, so kann man es nennen. Der Eigentümer ist Dr. Reinhard. Er hat deiner Aufnahme zugestimmt. Du kannst dich glücklich schätzen, das passiert nicht jedem. Normalerweise werden hier nur Patienten behandelt, die großzügig für eine Behandlung bezahlen. Dr. Reinhard hat aber aufgrund der Notsituation eine Ausnahme gemacht.«
»Dann werd ich ihm danken, wenn ich ihn sehe. Kommt er irgendwann nachher zur Visite?«
»Das glaube ich eher nicht, Dr. Reinhard verbringt die meiste Zeit in seinem Arbeitszimmer oder in seiner Wohnung.«
»Er behandelt gar nicht selbst?«
Mein Gegenüber schien innezuhalten. 
»Nein, er ist mehr darauf spezialisiert, die besten Ärzte aus aller Welt zusammenzuholen und einzusetzen. Und wenn ich sage die besten, dann meine ich auch die besten.«
Ich drehte mich auf die Seite und versuchte etwas mehr zu entspannen, denn noch immer durchfluteten mich Wellen voller Schmerz.
»Entschuldige«, sagte ich fast flüsternd. »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Jack.« 
»Ich weiß«, sagte mein Gegenüber und schien zu grinsen. »Mein Name ist Sandra und ich bin, wie du vielleicht schon vermutest, so etwas wie deine persönliche Krankenschwester.«
»Das muss hier aber eine besondere Klinik sein, in der man als Patient eine Privatschwester bekommt. Ich hoffe, ich bekomme am Ende nicht eine riesige Rechnung, die mein Budget übersteigt.« Leichtes Lachen stieg in mir auf, aber jede Bewegung meines Brustkorbs tat weh.
»Mach dir keine Sorgen, ich hab nicht das Gefühl, dass du hier bist, damit du der Klinik zu weiterem Reichtum verhilfst«, scherzte Sandra.
Einen Moment trat Schweigen zwischen uns und ich lauschte in die Stille. Das Einzige, was ich wahrnehmen konnte war das Geräusch ihres Atems, kein Maschinensurren, kein Ticken einer Uhr, nur das sanfte immer wiederkehrende Geräusch der Luft, die sie einsog und ausatmete.
»Sandra, wieso ist es so dunkel hier im Raum?«
»Wie soll ich dir das am besten erklären, ohne, dass du ausflippst? Machen wir es kurz und schmerzlos. Bei dem Unfall wurden deine Augen verletzt, leider so stark, dass du derzeit nicht sehen kannst. Leider sind nicht nur deine Augen in Mitleidenschaft gezogen worden, deine Arme und Beine ebenfalls sowie dein Rückgrat.«
Wäre ich an ein EKG angeschlossen gewesen, wäre sicher die Stationsaufsicht sofort ins Zimmer geeilt. Mein Herz pumpte kräftig, mir brach der Schweiß aus, die Angst kroch in mir hoch. Ich war blind? Würde nie mehr sehen können? Eventuell sogar querschnittsgelähmt? Würde ich jemals überhaupt wieder laufen können? Was war nur passiert, ich erinnerte mich an gar nichts mehr aus besagter Nacht. Sandra legte mir behutsam ihre kalten Hände auf die Stirn.
»Ruhig Jack, nicht aufregen, komm zur Ruhe und versuch dich zu entspannen, sonst wirken die Medikamente nicht richtig und schlagen am Ende noch ins Gegenteil um.«
»Verdammt, ich bin blind und kann mich nicht richtig bewegen. Was soll ich mich da beruhigen? Mein Leben ist damit fast zu Ende, wie soll ich denn weitermachen oder bist du als Service des Hauses mein ganzes Leben als Pflegerin für mich da?« Ich war außer mir. Mein Körper spannte sich an. Doch war meine physische Verfassung nicht gut genug, um das alles länger durchzuhalten. So schlaffte mein Körper wieder schnell ab und begab sich in Ruheposition. Ich hörte wieder ihre Stimme an meinem Ohr.
»Gut, da du dich nun wieder einigermaßen normal benimmst, kann ich ja weitererzählen. Du hast nämlich ziemliches Glück, mein Freund.«
»Ach ja und wieso das? Weil ich nicht tot bin?«…..